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PISA-Reformen ohne neue Bildungsmedien - Umsatz mit Schulbüchern stagniert; Umsatz mit Unterrichtssoftware sogar rückläufig

Die nach dem PISA-Schock bundesweit eingeführten und umfassenden Bildungsreformen finden ohne einen Innovationsschub bei der Ausstattung der Schulen mit neuen Schulbüchern und Bildungssoftware statt. Dies stellte der Vorsitzende des VdS Bildungsmedien, Wilmar Diepgrond, auf der Wirtschaftspressekonferenz des Bildungsverlegerverbandes während der didacta in Köln fest...


Der Branchenumsatz mit Schulbüchern und Bildungssoftware in Deutschland stagnierte 2006 auf dem Vorjahresniveau von knapp 500 Mio. Euro. Es gab weder im Bereich der beruflichen und privaten Weiterbildung noch im Bereich des schulischen Lernens besondere Wachstumsimpulse - eine Entwicklung, die praktisch schon seit Beginn der PISA-Reformen 2002 anhält. Konnte das "klassische" Schulbuch in den letzten fünf Jahren noch leichte Wachstumsraten verzeichnen, so war der Umsatz mit Lern- und Unterrichtssoftware in den Schulen sogar rückläufig: von 2002 noch etwa 15 Mio. Euro auf 2006 nur noch 7 bis 9 Mio. Euro.
"Die computergestützten Medien sind nicht im Unterricht angekommen", bewertet Diepgrond die Entwicklung, "Deutschland hinkt auch hier der internationalen Entwicklung weit hinterher." Verantwortlich macht der Branchenverband in erster Linie die Politik: Diese hat die öffentlichen Lernmittelausgaben seit der Wiedervereinigung von 400 Mio. Euro in 1991 auf heute nur noch 220 Mio. Euro fast halbiert. 2006 wurden von den Ländern und Kommunen im Bundesdurchschnitt nur noch 20 Euro pro Schüler im Jahr für die Anschaffung von Schulbüchern und Unterrichtssoftware ausgegeben.

Wurde der Rückzug des Staates aus der Lernmittelfinanzierung in den vergangenen Jahren durch Mehrausgaben der Eltern ausgeglichen, so stagnierten auch deren Ausgaben 2006 bei rund 250 Mio. Euro oder im Bundesdurchschnitt bei 22 Euro pro Schüler. Die Entwicklung überrascht den Branchenverband, da angesichts der vielen neuen Lehrpläne und Unterrichtsvorgaben die Nachfrage nach neuen Lernmitteln in den Schulen enorm hoch ist. In ihrem ersten Nationalen Bildungsbericht 2003 hatte die Kultusministerkonferenz selbst festgestellt, dass die Ausleihzeiten von Schulbüchern im Bundesdurchschnitt bei mittlerweile 9 Jahren viel zu hoch liegen.

"Auch mit den PISA-Reformen hat sich daran nichts geändert", stellt der VdS Bildungsmedien mit Verweis auf die neuen Zahlen fest. Der Verband fordert von den Eltern mehr finanzielles Engagement beim Schulbuchkauf, will aber auch den Staat nicht aus der Verantwortung für die Bildungsmedienfinanzierung entlassen: "Wenn die Politik den Weg ins digitale Klassenzimmer gehen will, dann muss sie jetzt handeln. Sonst ist der Computer im Unterricht bald eine Investitionsruine wie das Sprachlabor in den Achtziger Jahren - und das nach Milliardenausgaben für Hardware und Netzwerke", warnt der VdS-Vorsitzende Diepgrond.

Was Länder und Kommunen für Lernmittel ausgeben

Der Rückzug der öffentlichen Hand aus der Lernmittelfinanzierung vollzieht sich nach den Erhebungen des VdS Bildungsmedien seit 1991, als Länder und Kommunen noch rund 400 Mio. Euro ausgaben: Nach den drastischen Ausgabenkürzungen der frühen Neunziger Jahre - vornehmlich in den neuen Bundesländern - stagnierten die Ausgaben von 1995 bis 2002 bei rund 280 Mio. Euro trotz bis dahin steigender Schülerzahlen.

Nach dem "PISA-Schock" hat sich der Negativtrend trotz aller Beteuerungen der Politik wieder verschärft. Lagen die öffentlichen Ausgaben für Schulbücher und Unterrichtssoftware zu Beginn der PISA-Reformen 2002 noch bei 280 Mio. Euro, so sind sie seither um gut 20 % auf 2005 nur noch 220 Mio. Euro gefallen. 2006 stagnierten die Ausgaben auf diesem Rekordtief (siehe Grafik in der Anlage).
Pro Schüler haben Länder und Kommunen für den Kauf von Lernbüchern und Lernsoftware 2006 nur noch knapp 20 Euro aufgewendet.1991 waren es noch 34,30 Euro : ein Minus von gut 40 %. Berücksichtigt man die allgemeine Preisentwicklung, so hat sich die Kaufkraft der Schulen sogar um mehr als die Hälfte reduziert.

Die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern 2006 zeigt, dass in der Mehrheit der Bundesländer die Etats auf dem Vorjahresstand eingefroren wurden. Lediglich in Berlin und Hessen gab es leichte Mehrausgaben von 4 %. In Brandenburg und in Schleswig-Holstein wurden die öffentlichen Ausgaben um 5 % gekürzt, in Thüringen gar um 14 %. Weitere Informationen gibt die Übersicht in der Anlage ("Öffentliche Schulbuchausgaben 1991 bis 2006").

Auch die privaten Ausgaben für Schulbücher stagnieren

Nachdem von 2002 bis 2005 in den Ländern Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen und Thüringen Elternbeteiligungen eingeführt wurden, haben die privaten die staatlichen Ausgaben bei Schulbüchern überholt. Bundesweit gaben die Eltern und Schüler rund 250 Mio. Euro für den Kauf neuer Schulbücher aus. Gegenüber 2005 sind diese Ausgaben nur im Rahmen der allgemeinen Preissteigerung gestiegen.
Im Bundesdurchschnitt wurden 2006 22 Euro pro Schüler pro Jahr privat für den Kauf neuer Schulbücher investiert. Angesichts dieser im europäischen Vergleich extrem niedrigen Ausgabenhöhe weist der Verband jedwede Kritik an der Elternbeteiligung - wie sie z.B. in Bayern von den Elternverbänden und der Opposition geübt wird - zurück:
"Nirgendwo in Deutschland verhindert der Schulbuchkauf durch die Eltern den Bildungszugang", erklärt der VdS-Vorsitzende Wilmar Diepgrond. Mit dem Verweis darauf, dass die Kinder und Jugendlichen aus dem eigenen Portmonee Spielsoftware im Wert von 637 Mio. Euro kaufen (Trend Tracking Kids 2006), also fast dreimal so viel wie die Eltern für Schulbücher, spricht Diepgrond von einer falschen Prioritätensetzung in vielen Familien: "Bildung ist ein Baustein der eigenen Karriere, für die sich Investitionen ganz persönlich auszahlen."
Kritisch sieht der Verband allerdings die Art und Weise wie die Elternbeteiligungen in einigen Bundesländern gestaltet wurden: In Sachsen-Anhalt und Thüringen z.B. ersetzen die privaten Mehrausgaben nur die staatlichen Kürzungen, so dass die Eltern keinen Mehrwert in Form einer besseren Schulbuchausstattung erhalten; andere Bundesländer - wie Hamburg und Niedersachsen oder auch Berlin - zeigen wie es besser geht. Mit einer Aufklärungskampagne wird der Verband 2007 offensiv für den Kauf eigener Schulbücher bei den Eltern werben - mehr dazu unter www.eigenes-schubuch.de

10 Jahre "neue" Medien in den Schulen - eine negative Bilanz

10 Jahre nach dem Start politisch ambitionierter Computerbeschaffungsprogramme in fast allen Bundesländern ist aus Sicht des VdS Bildungsmedien die Einführung computergestützter Medien in den Unterricht als Stand-Alone-Software schlichtweg gescheitert.
"Seit Jahren müssen wir Rückgäange in diesem Marktsegment verbuchen, das einst als Zukunftsmarkt galt", führte auf der Pressekonferenz Martin Hüppe, Sprecher des Verbandsausschusses "Neue Medien", aus. Mitte der Neunziger Jahre erwartete man in der Branche, dass heute 20 bis 30 % des Umsatzes mit computergestützten Medien gemacht werden. Tatsächlich sind es unter 5 %. Die Aufwärtsentwicklung hielt nur bis 2000 an. Dann folgten ab 2001 bis 2004 starke Einbrüche. 2006 stagnierte die Umsatzentwicklung mit Bildungssoftware für die Schulen wie schon im Vorjahr.
Den Branchenumsatz mit Bildungssoftware in den Schulen schätzt der Verband auf nur noch 7 bis 10 Mio. Euro. Ende der Neunziger Jahre lag dieser Umsatz noch bei 15 bis 20 Mio. Euro. Trotz eines mittlerweile breit gefächerten Angebots von 4.000 bis 5.000 Produkten (nur Stand-Alone-Software) arbeitet nur etwa ein Fünftel der Lehrkräfte regelmäßig mit computergestützten Medien im Unterricht.

Abgesehen von schulorganisatorischen Zwängen, wie sie durch die Bildungsreformen im Zeitbudget der Schulen entstanden sind, macht der Verband eine falsche Prioritätensetzung bei den Beschaffungsprogrammen für die im europäischen Vergleich sehr zurückhaltende Anwendung der neuen Medien im Unterricht verantwortlich: "In Deutschland schafft man Technik an und kauft dann noch etwas Software hinzu", erläutert Hüppe die Situation, "Es muss aber genau anders herum zunächst überlegt werden, welche Lernsoftware man im Unterricht einsetzen will, um dann die passende Technik anzuschaffen."
Bei den Ausschreibungen sei es momentan so, dass nur 1/10 bis 1/15 der Anschaffungsetats für den Softwarekauf vorgesehen sind, wovon 70 bis 75 % auf Standardsoftware entfällt. 2006 gaben die Schulen nach Verbandsschätzung für den Softwarekauf rund 35 Mio. Euro aus, davon etwa 10 bis 12 Mio. Euro für Lern- und Unterrichtssoftware. Bis 2000 lagen die Softwareausgaben noch bei 50 Mio. Euro, wovon noch etwa die Hälfte für Lern- und Unterrichtssoftware ausgegeben wurde (siehe Grafik in der Anlage).

Als Konsequenzen fordert der VdS Bildungsmedien:


Andernfalls - so Martin Hüppe - bleibe es bei der momentanen Situation, in der sich in den Schulen nur eine kleine Minderheit der Lehrer den "Technostress" antun, mit unprofessionellen Medien und Materialien aus dem Internet möglichst kostenlos zu unterrichten.

Dass es anders geht, wenn man nah am Lehrer und seinen technischen Möglichkeiten den Medieneinsatz professionell konzipiert, zeigen die sog. "Medienbaukästen", mit denen die Branche auf die seit Jahren prekäre Situation kreativ reagiert hat: In wachsendem Maße bieten die Verlage "Hybridprodukte" an, die das Schulbuch als Leitmedium und die CD oder DVD als Begleitmedium mit vertiefenden Lerneinheiten und Simulationen kombinieren. Ergänzt wird dieses Zusammenwachsen der Medien durch Aktualisierungen im Internet. Diese Kombiprodukte erzeugen keinen "Technostress", weil sie vorrangig nicht für das schulische Intranet, sondern für den heimischen Arbeitsplatz des Schülers oder des Lehrers konzipiert sind. Sie sind an den Inhalten der Bücher orientiert und deshalb zielgenau einsetzbar. Sie werden in steigendem Maße nachgefragt und entwickeln sich langsam zum Standard beim Lernmittelkauf. Eingepreist sind sie im Buchpreis.

Die Branche in Zahlen

Der deutsche Bildungsmedienmarkt zählt rund 80 Anbieter, die jährlich über 4.000 neue Titel auf den Markt bringen (Gesamttitelangebot rund 45.000). Ihr Umsatz (Bildungsmedien für das schulische, berufsorientierte und das Freizeitlernen) lag 2006 bei rund 500 Mio. EUR, davon ca. 350 Mio. Euro mit Schulbüchern und Bildungssoftware für den "Vormittagsmarkt" der allgemein bildenden und beruflichen Schulen, 50 Mio. Euro mit Lernhilfen und Lernsoftware im "Nachmittagsmarkt" und 80 Mio. Euro mit Lernbüchern und Medien in der Erwachsenbildung und beruflichen Weiterbildung. Die mittelständisch geprägte Branche hat etwa 3.000 Mitarbeiter. An sie sind etwa 30.000 Autoren gebunden, die Bildungsmedien nach über 3.000 Unterrichtsvorgaben der Länder produzieren.

28.02.2007
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