Dienstag, 3. Dezember 2019

didacta-Themendienst | "Der Lehrerberuf verliert an Respekt."

Univ.-Prof. Dr. med. Claas Lahmann Univ.-Prof. Dr. med. Claas Lahmann Universitätsklinikum Freiburg

Beleidigungen, Drohungen, Übergriffe – viele Lehrkräfte erleben psychische oder physische Gewalt. Prof. Dr. Lahmann vom Universitätsklinikum Freiburg erklärt, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Herr Prof. Dr. Lahmann, wie viele Lehrkräfte haben bundesweit bereits Gewalt erfahren?

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat eine bundesweite Befragung durchgeführt. Dabei wurde differenziert, ob Gewalt an der eigenen Schule bekannt ist oder ob die Lehrkraft Gewalt persönlich erlebt hat. Die persönliche Erfahrung halte ich für aussagekräftiger: 23 Prozent haben psychische Gewalt erlebt, 6 Prozent waren von physischer Gewalt und 2 Prozent von Cybergewalt betroffen. Die Zahlen bei der Frage, ob Gewalt an der eigenen Schule bekannt ist, sind natürlich höher: Demnach berichten 55 Prozent von psychischer, 21 Prozent von physischer Gewalt und 29 Prozent von Cybergewalt.

Wie genau sieht Gewalt gegen Lehrkräfte aus?

Psychische Gewalt können Beleidigung und Beschimpfungen der Lehrer im Unterricht sein. Manche Schüler kommentieren beispielsweise das Aussehen der Lehrkräfte, sagen Dinge wie „Dass Sie keinen Mann finden, ist ja kein Wunder“. Physische Gewalt kann direkt sein, dazu gehören aber auch Bedrohungen. Das geht teilweise so weit, dass Lehrkräfte wirklich geschlagen oder mit Messern bedroht werden. Wenn ein Kollege in ein Foto montiert wird oder Mails in seinem Namen versendet werden, ist das ein Beispiel für Cybergewalt. Schuldig sind aber nicht immer nur die Schüler. Bei Elternabenden kann es Situationen geben, in denen Lehrkräfte physisch von den Eltern angegangen werden. Es gibt zudem durchaus psychische Gewalterfahrungen durch Kollegen und Vorgesetzte.

Forum Bildung
24. März 2020, 14.45 bis 15.45 Uhr – Halle 3, Stand 3E72

"Gewalt gegen Lehrkräfte: Wehrlos und allein gelassen?" – Podium mit Gerhard Brand, Vorsitzender VBE Baden-Württemberg, Univ.-Prof. Dr. med. Claas Lahmann, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg, und Dr. Thomas Riecke-Baulecke, Leiter Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL)

Die Teilnahme an den Veranstaltungen des Forum Bildung ist im Rahmen des Messebesuchs kostenfrei und ohne Anmeldung möglich.
www.bildungsmedien.de/fb

Hat sich die Gewalt gegenüber Lehrkräften in den letzten Jahren verstärkt?

Der Lehrerberuf verliert an Respekt. Lehrkräfte erzählen, dass sich das Klima in den Schulen verändert und die psychische Gewalt und mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte zugenommen hätten. Zudem wird vermehrt von Angriffen im Internet gesprochen, auch weil die Verfügbarkeit höher ist: Kinder haben Smartphones und sind technisch fit. In Freiburg widmen wir uns in einem Lehrercoaching der Prävention der berufsbezogenen Belastungen bei Lehrkräften. In den Gruppen wird auch berichtet, dass sich die Situation bei Elternabenden verschärft hat. Die Vorwürfe der Eltern hätten zugenommen.

Forum Unterrichtspraxis
25. März 2020, 13.00 bis 14.00 Uhr – Halle 5, Stand 5C71

"Leistungsfähig statt ausgebrannt! Impulse und Ideen für einen achtsameren Umgang mit sich selbst" – Vortrag von Petra Eisenbichler, Diplom-Sportwissenschaftlerin, Referentin und Dozentin im Gesundheitswesen

Die Teilnahme an den Veranstaltungen des Forum Unterrichtspraxis ist im Rahmen des Messebesuchs kostenfrei und ohne Anmeldung möglich.
www.bildungsmedien.de/fup

Wie kann dieser Entwicklung entgegengewirkt werden?

Es muss ausreichend Sensibilität für dieses Problem geschaffen werden: im Kollegium, bei Vorgesetzten und in Schulämtern. Führungskräfte müssen in Seminaren lernen, inwiefern sie ihren Führungsstil optimieren können, sodass Mitarbeiter gesund bleiben. Das gibt es schon in der Industrie, aber noch nicht im Bereich Schule. Lehrkräfte schließen ihr Lehramtsstudium ab, haben aber nie Führung gelernt – auch Schulleiter nicht. Lehrkräfte können sich zudem selbst schützen. Sie haben eine hohe soziale Verantwortung und sind sehr engagiert. Sie neigen dadurch häufig zur Verausgabung. Wenn dann Seitenwind kommt, geraten sie schnell in Schieflage. Sie müssen darauf achten, die übrigen Bereiche ihres Lebens, die nichts mit Schule zu tun haben, ausreichend zu pflegen. Sie müssen ihre Ressourcen durch die Dinge im Leben aktivieren, die ihnen Kraft und Energie geben.


didacta – die Bildungsmesse: Auf der weltweit größten Messe für den gesamten Bildungsbereich zeigen vom 24. bis 28. März 2020 in Stuttgart über 800 Unternehmen aus rund 40 Ländern ein umfassendes Leistungsspektrum von Ausstattungen und Einrichtungen, Bildungsmedien und didaktischen Materialien für alle Bildungs- und Erziehungsbereiche. Die ideellen Träger der didacta – die Bildungsmesse sind der Verband Bildungsmedien e. V., Frankfurt am Main, und der Didacta Verband der Bildungswirtschaft e. V., Darmstadt.

www.didacta-messe.de
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